Guten Appetit

Mein Telefon klingelt. Eine Nachricht von einem Freund in Stralsund leuchtet auf. “Moin, na was machst? Wir sitzen gerade auf dem Boot im Hafen. Haben den Grill an und schauen Hafenkino.” Hm, denke ich, grillen ist ja auch nicht schlecht. Ich sitze auch im Cockpit. Trotz  1300 Seemeilen Entfernung schaffen sie es, mir den Geschmack von gegrilltem Fleisch oder sogar Hähnchenkeulen fast bildlich darzustellen. Ich ziehe meine Handschuhe aus und tippe eine kurze Antwort: “Bei mir sind es auch sommerliche 3° warm, sitze draussen fast im T-Shirt. Ach weißt du, ich esse gar nicht mehr so viel Fleisch.” Schnell abschicken und wieder die Handschuhe an. Ich denke gerade an den letzten Einkauf im Supermarkt hier in Isafjordur im Norden Islands. Neben dem teuren Gemüse hielt ich auch leckeres Grillfleisch in der Hand.

Ein Päckchen eingelegtes Lammfilet für 2 Personen. Der Preis schon um 30% gesenkt, noch 3119,- ISK. Selbst wenn ich mir den Umtauschkurs schön rechne, sind das immer noch 25,- €. Zu viel für meine Bordkasse. Die Vernunft siegt. Also wieder Fische angeln, die gibt es hier in großen Mengen und können ohne nervige Erlaubnisscheine aus dem Ozean gefischt werden.

Dabei fällt mein Blick auf meinen Vorrat an Trockenfisch hinten am Geräteträger. Vor 2 Wochen habe ich so viele Fische gefangen, dass ich genug zum Einlegen, Braten und Trocknen habe. Der Winter ist lang. Der Trockenfisch wurde früher auch als ‘Arme-Leute-Essen’ bezeichnet. Wie treffend gerade. Der frisch gefangene Fisch, meistens Kabeljau, wird ausgenommen und paarweise am Schwanz zusammen gebunden aufgehängt. Um den gefangenen Fisch haltbar zu machen, wird diese alte Tradition im ganzen Norden Skandinaviens und sogar bis nach Portugal hin praktiziert. Während im warmen Portugal die kleinen Dorsche, genannt Bacalhau, ca. 150 Tage am Strand in der Sonne trocknen,  werden sie im kalten Norden an überdachten Gestellen aufgehängt. In Norwegen wird der Torrfisk (Dörrfisch) neben der bekannten Methode als Stockfisch auch auf dem Felsen mit Meersalz getrocknet. Das ist dann der Klippfisch. Hier in Island findet man nur die Trocknungsvariante in den überdachten Gestellen vor. Die engl. Bezeichnung Hardfisk hier ist in meinen Augen die treffendste. Der Hart-Fisch wird nach dem Trocknungsprozess mit dem Hammer zertrümmert und vermarktet. Jetzt sollte man meinen, dass bei den ungeheuren Vorkommen an Kabeljau, Schellfisch, Leng und Seelachs die Preise im Keller sind. Im Gegenteil, durch fehlende Subventionierung kostet hier eben mal ein Kilo Hardfiskur 8490,- ISK. Bevor jetzt lange recherchiert wird, das sind rund 68,- € für ein Kilo Trockenfisch. Wer jetzt noch etwas über die Zubereitung erfahren möchte, kann mir gerne schreiben. Ich esse den Trockenfisch nebenbei als Snack. Zum Bier passte er auch ganz gut. Oder zu meinen leckeren Fischbouletten. Auch da hätte ich ein Rezept parat. Wer möchte, kann mir gerne schreiben.

Dann gibt es die Möglichkeit, den gefangenen Fisch zu fermentieren. Diese Zubereitung ist etwas aufwendiger. Der frisch gefangene Fisch wird fein säuberlich ausgenommen und filetiert. Die absolut grätenfreien Stücken werden in dünne Scheiben oder Stücke geschnitten. Ein sehr scharfes Messer ist hier von großem Vorteil. Die Stücke dürfen nicht dicker als 5mm geschnitten werden, da sonst der Reifeprozess nicht vollendet wird. Die Menge, bei mir in der Regel 2kg frischer Fisch, kommt in ein ausreichend großes Gefäß, Schüssel oder Eimer. Pro Kg Fisch werden 1 Liter Wasser, 60g Salz und 50g Seelachs-Gewürz hinzugefügt. Dieses spezielle Kräutermischung nennt sich Seelachs-Gewürz. Wobei es egal ist, welcher Fisch in der Lake schwimmt. Ich beziehe diese Mischung und viele andere Gewürze über Matthias Hoff Gewürzhandel in Stuvenborn, Schleswig-Holstein. Tel. +49 4194-7934. Der Reifeprozess dauert nun 72 Stunden.

Danach werden die nun rötlich gefärbten kleinen Stücken über ein Sieb von der Lake getrennt und in einzelne kleine Gefäße abgefüllt. Zum Abschluß werden die einzelnen Gefäße bis zum Rand mit geschmacksneutralen Rapsöl bedeckt und können sofort verzehrt  werden. Die kleinen schmackhaften Dorschschnitzel halten sich nun 4-5 Wochen und erweitern den Ernährungsplan um eine weitere Delikatesse. 

Guten Appetit!

4 Gedanken zu „Guten Appetit“

  1. Hallo Michael, wir haben uns im April bei Jan aufm Boot getroffen. Gab glaub ich Carbonara und Salat.
    Bevor dir vor lauter Fisch Kiemen wachsen, vielleicht könnte ich dir ein Fleischpacket schicken, oder zumindest Wurst in Gläsern oder Dosen 🙂
    Ich lese gern deinen Blog mit und die Bilder….. Wow… Einfach schön

    Fröhliche Grüße, Matthias

  2. Soll ich Dir ein „West“ Paket schicken 🤣🤣🤣. Schön wieder was von Dir zu lesen, im Mai sind wir wieder in Schweden, mal sehen wo Du dann so rum schwimmst 😉. Liebe Grüße 😘 Netti

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