Haparanda (Teil 2)

Der Polarkreis tut nicht weh, aber die 160km mit dem Fahrrad haben es in sich. Ganze 2 Tage gegen Wind und Mücken dauert dieses Abenteuer. Auszug aus dem Fahrrad-Logbuch

Der Wunsch, einmal mit dem Fahrrad zum Polarkreis zu fahren, regte sich schon lange in mir. Der Plan war, mit Loupi und Hundeanhänger eine Zeit hier oben unterwegs zu sein. Nun ist es anders gekommen und ich habe mir auch nicht so viel Zeit genommen.

 

Der kleine Hafen Röytta im Industriehafen von Tornio an der Grenze zu Schweden scheint wie geschaffen zu sein, um mein Boot preiswert ein paar Tage allein zu lassen. 2 Tage hole ich erst einmal Schlaf nach, denn die Nonstop-Fahrt hierher in den Norden war anstrengend.

Röytta

Bis Haparanda sind es rund 10 km. Auf dem Weg dahin kommt man mit dem Fahrrad in der Reihenfolge vorbei: Supermarkt, Ikea, Pizzeria und Pub.  Alles wird besucht.

 

Am 3. Tag geht’s los. Der Rucksack wird gepackt mit Schlafsack, Hängematte, Kochgeschirr und Wechselklamotten, Regenzeug, Fertigessen, Müsli, Trockenmilch und jeder Menge Nüsse als Energiespender. Fehlen noch Werkzeug und Reparaturteile für das Fahrrad. Alles passt wunderbar irgendwie in meinen 30 Liter Rucksack. Nur beim Gewicht, da wundere ich mich nicht, 13 kg sollen auf meinen Rücken. Erste Hürde morgens im Nieselregen: der kleine Hafen ist verschlossen. Keiner rein, keiner raus, so die Devise. Ich klettere über die Klippen am Zaunende. Dabei stürzt mein Fahrrad über die Steine in die Ostsee. Verdammter Mist und auch meine einzige Trinkflasche geht dabei verloren. Toller Start. Auf den ersten Kilometern Landstraße habe ich Rückenwind. Dann auf dem Radweg Richtung Kemi pfeift mir strammer Südwest um die Ohren. Wie soll es auch anders sein, der Wind kommt doch immer von vorn. Der Regen lässt nach, so dass die Regensachen auch in den Rucksack müssen. Ich schwitze wie ein Sch….. Bin doch völlig untrainiert, immer nur im Boot sitzend und guckend (Segelsport ist ja kein Radsport) Mein kleiner Garmin zeigt mit 12kn Durchschnittsgeschwindigkeit komme ich voran. Die schmerzenden Oberschenkel haben sich langsam daran gewöhnt und ich habe meinen Rhythmus gefunden. Nach 20km ein Einkaufsmarkt für müde Radfahrer. Ich kaufe 2 neue Trinkflaschen, 2 Äpfel, 2 Bananen, 2 Schokoriegel und 2 Liter Wasser in der Hoffnung, bald wieder eine Einkaufsquelle anzusteuern, denn im Rucksack ist für mehr Proviant kein Platz. Nach kurzer Pause wieder auf’s Rad. Ahhh, erste Anzeichen von Ermüdung. Die Beine wollen wieder gar nicht.

Nächster Stopp ist am der 1948 erbaute Isohaara-Staudamm. Der Fluß Kemijoki fällt von Rovaniemi in 3 Staustufen herab, also geht es für mich bergauf.  An der braunen Färbung ist die Eisenhaltigkeit des Wasser zu erkennen, nicht gerade einladend zum Baden. Weiter in Richtung Norden wähle ich nicht die belebte Hauptstraße, sondern den etwas weiteren Weg am Fluss entlang. Anfangs gehts auf einem Radweg, dann auf der Landstraße vorwärts.

Jetzt bin ich so richtig in meinem Element und Abenteuer angekommen. Sehr wenig motorisierter Verkehr, genau wie ich es mir vorgestellt habe. Nur diese laaaaaaangen Berge, davon hatte ich keine Bilder in meinem Traum. Manchmal will der Anstieg gar nicht enden. Im kleinen Gang und stehend trete ich in die Pedale, eine willkommene Abwechslung zur monotonen Bewegung. Mich überholt ein Finne auf einem Rennrad. Wieder bekomme ich kein Trikot für die beste Bergwertung. Beim Versuch, dran zu bleiben,  gerate ich völlig außer Puste.

In Tervola fahre ich an eine Tankstelle. Der Imbiss ist einfach zu verlockend. Hätten sie noch Bed & Breakfast angeboten, hätte ich das auch genommen und wäre ins Bett gegangen. Nix da, ich will ja nach Rovaniemi. Ich rechne: 60km sind geschafft. Bis zum Ziel sind es 150km, also ein Stückchen muss ich noch, um wenigsten die Hälfte abhaken zu können. Nach einer Stunde in der Sonne wieder auf den Sattel. Oh, jetzt merke ich auch meinen Hintern. ,Pausen machen müde ‚ ist keine neue Erkenntnis. Ich brauche eine Weile, um wieder meinem Rhythmus zu finden. Fantastische Gegend begleitet mich.

Links immer wieder ein Blick auf den Kemijoki, rechts grüne Felder und Leute bei der Gartenarbeit. Mal geht’s durch dichte Kiefernwälder, mal durch aufgelockerte Birkenwälder. Freundliche Leute winken mir zu. In einem Dorf wird mir bei einem Grillnachmittag sogar ein Bier über den Zaun gehalten. Zisch, das war viel zu wenig. Ich will weiter. An einer Badestelle mache ich Rast, allerdings zu früh, um hier zu übernachten. Noch ein Stück, denke ich bei mir und radel noch weitere 20km. Gegen 20 Uhr finde ich eine weitere Badestelle mit altem Schwimmsteg. Perfekt, hier will ich bleiben, denn mehr geht nicht. Mein kleiner Garmin zeigt 109km Tagesstrecke.

Zuerst sorge ich für mein Nachtlager, die Hängematte wird gespannt. Beim ersten Probeliegen bricht leider der ganze Baum um. Na zum Glück stehen hier noch ein paar mehr davon rum, perfekt. Zu Essen gibt es ein Fertiggericht aus der Tüte, Pasta Pomodoro Mozzarella. Gar nicht mal so schlecht. So etwas habe ich immer an Bord, wenn es mal schaukelt und es schnell gehen soll. Nebenbei habe ich ein Feuer entfacht mit ordentlich Rauch vom feuchten Holz. Das soll die widerlichen Mücken fern halten.

Die Kombination Finnland, am Wasser, laue Sommerluft und draußen schlafen passen nicht richtig zusammen. Mücken ohne Ende, um 2 Uhr bin ich noch immer wach, meine Beine glühen, es ist hell wie am Tag. 

Morgens gibt’s Müsli, angerührt mit Trockenmilch. So einfach kann’s gehen, erstaunlich wie wenig man eigentlich braucht in der so verwöhnten Konsumgesellschaft. Um 9 Uhr sitze ich wieder auf dem Fahrrad Richtung Rovaniemi, nur noch 40 km. Die Strecke hat es noch einmal in sich. Lange Anstiege und Nordwind, der mir etwas Abkühlung bringt, die Temperatur liegt hier im Binnenland über 20° Celsius.

10 km vor Rovaniemi steht plötzlich ein Rentier auf meinem Weg. Völlig zahm nimmt er kaum Notiz von mir. Fahrrad mit Rentiergespann wäre jetzt die Lösung, aber er lässt sich nicht dazu überreden. Nach 150km komme ich in Rovaniemi an. Zufällig halte ich genau vor dem Hostel Köti, es ist 12 Uhr. „Lunch all you can eat“ für 7,- €, na das habe ich mir jetzt verdient.

Und „Bed & Breakfast“ buche ich gleich mit dazu, ich bin noch keine 50, aber Hängematte muss heute nicht mehr sein.

Wo ist er denn nun, der Polarkreis? Ah, in Santa Village, noch einmal 20 km. Das bekomme ich auch noch hin. Nun ist es mit dem Polarkreis ja so eine Sache.

66°32″ steht auf dem weißen Strich geschrieben.

Alles Lüge. So viel wie ich weiß, ist der Polarkreis bei 66°33″. Weil sich die Erdachse ständig neigt, wandern auch die Polarkreise, aber das ist ein anderes Thema. Soll man jetzt das ganze Dorf verschieben? Ich begnüge mich, wie viele andere Touristen auch, mit dem weißen Strich. Abends genieße ich den Trubel in Rovaniemi. Ich bin erschöpft und glücklich, meine Mission geschafft zu haben. SkålS

Heute mit extra Clip und wieder ein paar Impressionen. Viel Spaß.

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