Höfn 2.0 und so hoch wie möglich an den Wind

„Guten Morgen“, es klopf am Boot. „ich bin Stefan, der Hafenmeister von Djupivogur, willkommen auf Island, du bist der Erste in diesem Jahr.“ Na, wenigsten etwas. Er gibt mir seine Karte, und bittet mich anzurufen wenn ich wieder weiter möchte.

Mein erster Gang geht zum Polizeigebäude. Island gehört nicht zur EU und so muss ich ordentlich einklarieren. Für den Polizeibeamten bin ich sogar der „Erste“ in seiner ganzen Laufbahn als Polizist. Er meint: „Der Zoll wurde hier abgeschafft, das erledigt hier die Polizei.“ Ok, ich bin erleichtert. Hatte ich doch Bedenken mit den Einfuhrbestimmungen an Lebensmitteln. Ich will ganze 5 Monate hier auf Island verbringen. Der Beamte will weder das Schiff von außen noch von innen sehen. Wie ich erfahre, geht es bei der Einfuhr von Lebensmitteln auch immer nur um große Mengen für den Handel. Also 80 Dosen Bier, 30 Eier und 15kg Müsli zählen noch nicht dazu.

In Djupivogur war ich vor 8 Jahren schon einmal auf einer Motorradtour durch Island. Und ich kann mich an den Zeltplatz oberhalb des Ortes erinnern. Dort gab es damals eine Waschmaschine. Das war auch jetzt noch der Fall. Auch das Hotel, das Schwimmbad mit öffentlichen Duschen und das leckere Restaurant oberhalb des Hafens waren noch vorhanden. Es hat sich nichts verändert. Nur mein Reisegefährt ist ein anderes geworden. Die nächsten 3 Tage verbringe ich mit Aufräumen unter Deck, Wäsche waschen und Erholung. Ich mache einen weiteren Reiseplan. Der Umweg über die Ostküste kostet mich bestimmt eine Menge Zeit. Als der Wind günstig weht, möchte ich gern weiter. Ich rufe Stefan an. Der Hafenmeister kommt mit seinem kleinen Suzuki 4×4 und wir fahren gemeinsam zum Geldautomaten. Der Liegeplatz kostet nichts, aber umgerechnet möchte er 10,- Euro pro Tag für den Stromanschluss kassieren. Ich hebe neben den Gebühren gleich noch Taschengeld ab, mit einer gefühlten Million an isländischen Kronen in kleinen Scheinen geht es zurück zum Boot. Ich lege ab und fahre anfangs unter Maschine aus dem schönen Fjord.

An der Ostküste entlang dann endlich schönes Segeln in Richtung Höfn. Höfn Zwei Punkt Null, der 2. Versuch. Laut meinen Berechnungen bin ich kurz vor Hochwasser an der Anfahrt von Höfn. Der Plan geht auf.

Der Kanal vor Höfn saugt mich förmlich auf. Noch mit 5kn zusätzlichen Strom geht es eine Seemeile bis in das Hafenbecken von Höfn hinauf. Die Anfahrt ist mit 8, 9 Metern auch tief genug. Was habe ich vor 4 Tagen hier nur gemessen?

Auch dieses Mal Schwimmstege mit Stromanschluss und ein freier Liegeplatz. Nur ein Hafenmeister ist nicht auszumachen. Wie soll ich auch da jemanden auf dem Funkgerät erreichen. Bleibt noch die Frage: Warum habe ich die Küstenwache auf Kanal 16 nicht erreichen können? Doch dies bleibt ungeklärt. 3 Tage in Höfn und warten auf ein günstiges Wetterfenster bis es weiter geht, vergehen schleppend. Dann ist es soweit. Ein sonniger Tag, 18 Uhr ablaufendes Wasser und eine Vorhersage mit günstigem Wind aus Südost. Ok, die Sonne bleibt. Der Wind weht schwach aus Südwest, also gegen an. Und das ablaufende Wasser sorgt wieder für 3 Meter hohe Wellen an der Ausfahrt zum Atlantik. Ich motore eineinhalb Stunden mit 3kn über die Wellen und durch die Wellentäler. Wind zum Segeln will sich auch bis Mitternacht nicht einstellen. Die Maschine läuft noch bis zum nächsten Morgen gegen 6:30 also gut 12 Stunden Diesel verpufft. Der Wind dreht und nach einer Stunde bin ich schon im ersten Reff. Gegen 10 Uhr im 2. Reff und zum Mittag donner ich wieder nur mit kleiner Genua bei 20 kn über den Atlantik, gegen den Golfstrom an der Südküste von Island vorbei. Mein Plan so hoch wie möglich an den Wind heran zu kommen, geht nicht ganz auf. In einem großen Bogen um Dyrholey, dem südlichsten Punkt von Island, herum geht es Richtung Westen. Übermorgen soll Westwind kommen und der ist nicht passend um bis zu der Halbinsel Reykjanes zu kommen. Von Reykjanes wäre es dann nur noch ein kleiner Schritt bis Reyjavik, der Hauptstadt von Island. Spät am Abend des 2.Tages dreht der Wind schon ungünstig auf Südwest. Ich entscheide zu den Vestmanaey, den Westmänner-Inseln auszuweichen. Am Morgen des 3.Tages erreiche ich im strömenden Regen nach 200 Seemeilen und wieder 36 Stunden Fahrt ohne richtigen Schlaf Heimaey, dem Hauptort der Westmänner. Kein Liegeplatz in dem kleinen Hafen für Fischerboote in Sicht.

Ich gehe am Schwimmsteg der Tankstelle längsseits. Schon früh um 6 Uhr begrüßt mich ein Arbeiter in leuchtender Weste mit der Information: Ich bräuchte nur den Strom bezahlen, wegen des Liegeplatzes müsste ich mich mit dem Tankstellenanbieter kurz schließen. Die Neugier nach dem erreichten Ziel hält mich nicht davon ab in die Koje zu fallen, ich schlafe bis Mittag.

Doch dann der erste Landgang, ein imposantes Bergmassiv vor der Insel schützt die Bucht vor dem Hafen. Die Regenwolken haben sich verzogen und lassen den Blick auf die 200m hohe Felswand zu. Unglaublich beeindruckend. Wie immer auf meiner ersten Runde im neu erreichten Hafen, die Suche nach Hafenmeister, Strom- und Wasseranschluss, Müllentsorgung, Supermarkt. Immer in unterschiedlicher Reihenfolge. Der Liegeplatz gehört zu Skeljungur, dem Ölkonzern der weltweit unter dem Namen Shell bekannt ist, klingt eben alles anders.

Der `Shellmann´ kommt, tankt 48 Liter Diesel in mein Boot und nimmt mich mit zum Bezahlen in sein Büro. Für den Steg kann er nichts kassieren, ich kann so lange liegen bleiben wie ich will. Auf dem Weg zurück zum Boot, erfahre ich alles Wichtige über den Ort und dem bevorstehenden Fest am Wochenende. Besser als jedes Touristenbüro.

Die Westmänner prägt ein schauriges Ereignis als im Januar 1973 ein Vulkan auf der Insel ausbricht und fast das Archipel zerstört und unbewohnbar macht. Der Vulkan riss eine 1km lange Spalte östlich der Stadt Heimaey. Monate lang drang flüssige Lava aus und drohte den Ort zu verschütten. Viele Hilfskräfte, damals besonders das amerikanische Militär, kühlten mit Wasserkanonen die glühende Lava die ein Haus nach dem anderen zerstörte.

Fast wäre auch die Hafeneinfahrt Opfer des Lavastroms geworden. In nur wenigen Tagen wurden alle Bewohner evakuiert. Alles funktionierte reibungslos, kein Mensch kam ums Leben. Erst im Juni der Jahres ´73 wurde der Ausbruch als beendet erklärt. Die Aufräumaktionen dauerten noch viele Jahre an.

Heute erinnert ein Museum an die Katastrophe von damals.

 

Im Stadtzentrum habe ich diese Säule gefunden, sie zeigt wie hoch die Vulkanasche im Zentrum von Heimaey lag. Für mich ein unglaublicher Anblick. Kennt man solche Bilder nur aus dem Fernsehen, kann man hier durch den Ort gehen und die Grundstücke betrachten die von der Lavawalze verschont wurden. Auch für eine Wanderung zum Feuerberg, „Eldfell“ wie die Isländer den Vulkan getauft haben,  habe ich noch Zeit, denn erst in 3 Tagen bekomme ich meinen lang ersehnten Besuch an Bord.

Ein Gedanke zu „Höfn 2.0 und so hoch wie möglich an den Wind“

  1. Hallo Michael,
    mit großer Spannung und Interesse warten wir auf Deine neuen Berichte. Wir sind beeindruckt was Du für Überlegungen vor Deinen kurzfristigen Entscheidung angehst. Bitte sei weiterhin aufmerksam und riskiere nichts damit Du Dein Segelboot und Dich immer heil von dem einen noch zu erwartenden Ziel bis zum nächsten bringst.
    Wir lesen immer gern Deine Reiseberichte die mit wunderbaren Fotos uns der Insel näher bringen.
    Gute Weiterfahrt gerloupine

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