Internet nur bei Hochwasser

Hier noch ein paar Info´s und Bilder zum letzten Film

vergangene Woche bin ich auf Spuren von Helgi Hrólfsson, dem ersten Siedler vor 1000 Jahren, durch den Ort gestiefelt.

Während die Isländer noch mit offener Jacke und ohne Handschuhe rumlaufen, verstoße ich absolut gegen das Vermummungsgesetz. Sturmtief Irene hatte die Region Ísafjarðarbær in den Nordwestfjorden fest im Griff. Die Region mit dem Verwaltungssitz in Isafjördur hat rund 3700 Einwohner, allein in der Stadt Ísafjörður leben davon 2600. Das macht eine Bevölkerungsdichte von 2 Einwohnern pro Quadratkilometer. 

Ich laufe täglich meine Runden durch den Ort und entdecke immer wieder neue Ecken und Motive.  Seit diesem Wochenende sind auch die ersten geschmückten Häuser zu sehen. Die Isländer mögen es bunt. Dabei brauche ich gar nicht lange warten, bis es dunkel wird. Um 15:30 Uhr ist nichts mehr mit Tageslicht, es bleibt dann auch dunkel bis 11 Uhr am nächsten Morgen. Genug Zeit, die schnuckeligen Häuschen zu sehen. Durch die schneebedeckten Berge rund um meinen Winterhafen Ísafjörður und die zahlreichen Beleuchtungen ist es trotz der Dunkelheit ein angenehmes und gemütliches Ambiente. Seit diesem Wochenende ist auch das oberhalb der Stadt gelegene Skigebiet beleuchtet. Mehr für Langlaufski geeignet bin ich weiter auf der Suche nach der perfekten Snowboardabfahrt. 

Übersetzt heißt die Stadt „Eisfjord“. Hätte ich mir auch ausmalen können, so weit im Norden und so knapp unter dem Polarkreis. Die schwierige und zeitaufwendige Anfahrt bis hierher war ausschlaggebend für den Plan, den Winter hier zu verbringen. Schade wäre es, wenn ich, wie ursprünglich geplant, im September wieder die Heimfahrt angetreten hätte. Spät im Oktober/November schickt man niemanden mehr auf den Nordatlantik.

Bis zum letzten Wochenende hatte ich auch noch gedacht, es gäbe ein Wetterfenster, um noch einmal in die nördlich gelegene Fjordlandschaft von Hornstrandir zu schippern.

Fehlanzeige, fest vom Eis umschlossen, liege ich an meinem Platz. Eisfjord eben. Neben mir wird der Schnee aus der Stadt ins Hafenbecken gebaggert. Nicht mehr lange und ich habe neben meinem Boot einen eigenen Berg, den X-Berg 😉  

Auch mein Boot war durch den extremen Schneefall unter einem halben Meter Schnee versteckt. Mit Schippe und fliessend Wasser aus dem Gartenschlauch konnte ich mich wieder von Schnee und Eis befreien. Gartenschlauch? Ja, sämtliche Zapfstellen für Trinkwasser werden nicht abgestellt. Sie werden einfach geöffnet. So läuft es ununterbrochen an allen Ecken des Hafen aus den Zapfstellen ins Hafenbecken. Der Trick dabei, selbst bei -10° friert es nicht ein. Klingt logisch. Im Übrigen wird es im Sommer auch nicht abgestellt und plätschert meist munter dahin. 

Auf dem Weg unweit meines Liegeplatzes komme ich gleich durch die Aðalstræti, die Hauptstrasse. Hier stehen die ältesten Häuser IÍsafjörðurs. Sie erwecken den gemütlichen Eindruck, wie es wohl gewesen sein könnte, bevor es Autos und Touristen gab.

Etwas südlicher auf der Halbinsel stehen noch einige der im 16. Jahrhundert von deutschen und englischen Firmen errichteten Häuser. Sie stellen den ältesten, noch erhaltenen Siedlungskern Islands dar und bilden heute das Neðstikaupstaður, das Heimatmuseum.

Hauptarbeitgeber der ganzen Region ist die fischverarbeitende Industrie. Unzählige Hallen, Container, Fischtrawler und Werkstätten für Reparaturen und Zubehör sorgen für Trubel an den Wochentagen. Am Wochenende scheint die ganze Stadt zu schlafen.  Wobei man dann Montags das Gefühl bekommt, das ganz Island auf den Beinen ist. Für den Rest der Woche ist wieder ruhiges Treiben in der ganzen Stadt.

Eine willkommene Abwechslung für mich ist ein Besuch im Schwimmbad. In der Woche habe ich das einzige Becken für mich allein. Ich schwimme dabei zwei Stunden eine Acht um nicht duselig zu werden, denn das Becken ist nur 15m lang.

Auch eine Bibliothek von 1889, eine Musikschule von 1911, ein Gymnasium und eine Kunstschule sind vertreten. In dem Hochschulzentrum werden englischsprachige Masterstudiengänge, Fernstudien- und Isländischkurse angeboten. Die isländische Sprache gehört zu den 10 schwersten auf der Erde. Ich kann nur „Góðan daginn“ zum Besten geben: „Góðan daginn“ steht für das bekannte „hey“ in Skandinavien und gilt Morgens, Mittags, Abends als Ausdruck der Freundlichkeit. Ein einfaches „Hey“ geht aber auch. Und „ Þetta reddast“ „Das wird schon gut gehen“, ist der Ausdruck des allgemeinen isländischen Optimismus. Das isländische Þ wird dabei wie das englische th gesprochen.

Vorbei am Osthafen der Stadt mit den vielen Fischerbooten geht es zur Nordküste, einem Steinwall. Bei dem massiven Bollwerk kann ich mir vorstellen,  was trotz der geschützten Lage im Nordatlantik an Wellen möglich sein kann.

Zurück geht´s über den Friedhof mit der um 1995 fertiggestellten Betonkirche und vorbei an Tankstelle, Supermarkt und meinem Internet-Hotdog-Restaurant.

Hier halte ich mich auf, wenn ich Beiträge oder Filme updaten will.

Oder einfach nur etwas essen möchte. Beim 3. Besuch hat man das Gefühl, die ganze Stadt zu kennen. Internet ist an meinem Liegeplatz Mangelware. Ich muss das mal erklären. Bei Niedrigwasser reicht meine Wlan-Antenne nicht über die Pier im Hafen. Wie kurios das klingt, Internet im Boot nur bei Hochwasser ca. alle 12 Stunden. Zeit spielt hier keine Rolle, ich habe mich an das langsame Leben hier im Norden gewöhnt. 

 

Ég óska þér góða nikolaus!

11 Gedanken zu „Internet nur bei Hochwasser“

  1. Hi Micha,
    wieder mal besten Dank für deinen Bericht und die Bilder. Dort oben, das ist schon eine andere Welt! Hier sind es gestern +13° C
    gewesen und ich habe überlegt, mein Schiff in Friesland wieder aus der Halle zu holen. Ich finde es super, daß es dir da oben gefällt – der lonesome Sailor!

    Wünsche weiterhin stressfreie Tage.

    Gruß aus Leverkusen

    Peter

  2. Hallo Micha, wie du berichtest, ist besser als jeder Reiseführer und macht Lust auf mehr.
    Passiert der X Trip nichts wenn sie vom Eis eingeschlossen wird?
    Jetzt weiß ich wozu die Antennenmasten auf Segelbooten gut sind. Ohne hättest du vermutlich gar kein Internet an Bord.
    Ich freue mich auf den nächsten Bericht von Dir und wünsche schöne vorweihnachtliche Tage

    Liebe Grüße

    Matthias

  3. Moin Micha,
    es gehört schon eine große Portion Stärke dazu die ganze Zeit allein mit sich und der unbekannten Umgebung, Natur zu verbringen, wie verbringst du Weihnachten und Sylvester?
    Danke für die tollen Bilder, Beschreibungen und Videos…vor allem dass die Langsamkeit für uns schnelllebige Städter erst erlernt werden muss…Respekt für deine Tour…ich habs zumindest zum Leben auf dem Boot in einem großen städtischen Hafen gebracht…mal sehen ob mich der weitere Weg auch zu solchen Erfahrungen begleitet.
    Viele Liebe Grüße aus dem schmuddeligen Norden und einen weiteren Gruß zum fast 2. Advent.

  4. Hallo Micha,

    ich verfolge nun schon seit einigen Wochen deinen Blog. Wirklich Hut ab vor der Leistung und Mut.
    Auch dieser Beitrag beschreibt wieder eine ganz andere Seite des Seglerlebens. Sehr schön geschrieben, tolle Bilder und Eindrücke einer anderen Welt.

    Komme heil durch den Winter und ich freue mich schon auf weitere Neuigkeiten.

    Ich wünsche Dir “Immer genug Brennstoff an Bord”! (Das halte ich in deiner Situation für passender)

    Viele Grüße,
    Wolfgang

  5. Tolle Bilder und Krass, vielen Dank.
    Was machst Du, was machen die Leute dort den ganzen Tag?
    Also selbst bei 10h schlafen bleiben ja immernoch 14h die gelebt werden wollen. 1h wandern, 1h Schwimmbad, 1h essen machen, bleiben 11h zum essen ? -))
    Hast Kontakte oder sind die Isländer eher zurückgezogen?

    Gruß Ingo

    1. Hi Ingo,
      Danke für deinen lustigen Kommentar. Von solchen Feedback lebe ich. In deiner Aufzählung fehlt noch 1 Std. eMails schreiben 😉
      Ansonsten stimmt es ungefähr. 3 Std. Wandern, Essen machen und Essen essen wird von mir zelebrier-3 Std.++
      Schwimmbad ja, aber nicht täglich, geht ja nicht. Heute habe ich 2 Stunden Eis gehackt.
      Ja und diese Unmengen an gesammelten Datenmengen für euch… 10 Std. am Tag
      Bleibt nicht mehr viel zum Schlafen 😉
      Beste Grüße Micha

  6. Hallo Micha,
    erstmal wünschen wir dir einen schönen 2 Advent, bei Glühwein am Ofen 😉
    Sehr beeindruckende Fotos und Video´s und Berichte von dir. Nur 4 1/2 Std. Tag ist schon echt krass. Ok du arbeitest viel an den Videos usw. aber es ist wenig Zeit für Bewegung draussen. Wie hälst du dich fit?

    LG
    Rolf & Bärbel

    PS. haben die ne Private Nachricht per Messenger gesendet

  7. Lieber Michael,
    deine Internet-Seite ist einfach toll, danke für die wunderschönen Fotos und Einblicke in das Leben auf der Insel. Ich bewundere dein Wissen und deine Fähigkeiten, deinen Mut und die Stärke unter den herausfordernden klimatischen Bedingungen und auf sich allein gestellt zu leben.
    Für mich verkörperst du die Liebe zur Natur und dem Leben als Mensch im Einklang mit ihr.
    Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft , Gesundheit und Freude auf deinem Weg.
    Herzlichst
    Gerlind

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