Krimi Gotland

Es ist 4:55 Uhr am Morgen. Spiegelglatte See, wie sich das Wasser doch schnell beruhigen kann, immer wieder erstaunlich. Mystisch spiegeln sich gegenüber die anderen Segelboote am kleinen Anleger. Das Bootshaus am Ende des Steges ist noch in Nebel gehüllt. Kein Geräusch, kein Plätschern. Kein Vogel, der aus den Federn schaut. Es ist Ende August und der Morgentau lässt alles feucht und frisch wirken. Dann das erste Geräusch des Tages. Meine Ankerwinsch rasselt die Kette  hoch. Gestern Abend, mit dem letzten Büchsenlicht, habe ich mich durch die schmale Einfahrt geschlängelt. Vorbei an einer Untiefe mitten in der Fahrrinne, bis in diese Bucht bei Ankarudden. In der Nähe liegt gleich Soviken, etwa 20sm südwestlich von Nynäshamn. Bei 3m Wassertiefe lasse ich heute 20m Kette aus dem Kasten rauschen. Ein ruhiger Schlaf ist mir damit sicher. Es pfeift im Rigg, selbst in der relativ geschützten Bucht. Dann ist das Schot zu und der Teekessel übertönt das Pfeifen des Windes. Ruhe tritt ein. Ich spüre den Tag in meinen Gelenken. Nur 21sm von Rånöhamn über Soviken, eben nach diesem Ankarudden. Wind von 4 bis 40kn, das war keine Kaffeefahrt. Sonne, Regen, Hagel, Gewitter und Flaute wechselten sich ab. Ich kann gar nicht sagen in welcher Reihenfolge. Das Schönste heute: mal wieder eine Rollwolke fotografiert. Warum diese Tour? Morgen ist das einzige Wetterfenster, um nach Gotland zukommen. Dieses Ziel hatte ich mir unterwegs ausgesucht. Visby soll es sein, schaffe ich es heute?

Der Anker ist oben und in eine Tonne Schlick und Seegras gehüllt. Die Kette zeigt keine Glieder mehr, ein einziger Schlammstrick. Der Morgen fängt ja gut an. Es ist 5:05, Ankerkasten zu. Ich starte die Maschine, ein Echo ist von den gegenüberliegenden Felswänden zu hören. Nein, eine finnische Segelyacht macht gerade am Steg ihre Leinen los.

Ein kurzer Gruß und wir schlängeln uns gemeinsam Richtung Ostsee. Wieder vorbei an dem großen Felsen mitten in der Fahrrinne.

Oje, da bin ich gestern im Dämmerlicht vorbei? Sieht gewaltig aus das Ding. Die Wind-Vorhersage sagt für heute: Morgens West 10kn, mittags Südwest 13kn und am Nachmittag Süd 8kn.  Gotland liegt 70 Seemeilen im Süden. Das wird spannend, Krimi Gotland hat begonnen. Welchen Kurs fahre ich? Welche Taktik? Kreuzen auf 70 Seemeilen mit 1,5kn Gegenstrom?

Nein, das werden dann schnell 100. Ich gehe hart an den Wind, 45°, da läuft mein Boot ganz gut. Kurs Südwest, ich werde einen Halbkreis fahren. Stimmt die Vorhersage, bleibt es bei dem rückdrehenden Wind? Das finnische Boot setzt den Kurs direkt auf Gotland ab. Hat er einen anderen Wetterbericht? Finnische Segler sind auch sonst seltsame Leute. Bis einmal die Hand zum Gruß gehoben wird, muss ich manchmal winken, als wenn ich in Seenot wäre. Der Finne fährt mit halbem Wind, ist schnell, rauscht förmlich dahin. Während mir bei guter Schräglage mein Müsli durch das Cockpit fliegt. Die Sonne ist vor 15 Minuten aufgegangen. Sie verdrängt die letzten Nebelschwaden. Ein toller Anblick. Wir sind beide Höhe Landsort. Der fliegende Finne liegt vorn und genau im Schein der aufgehenden Sonne. Durch meinen Amwindkurs fehlt mir etwas an der finnischen Geschwindigkeit. Zu gern würde ich mit ihm ein Rennen fahren, doch nach meiner Berechnung komme ich nur im großen Bogen ans Ziel. Nun, es sollte ein Rennen werden. Am frühen Vormittag fängt der Wind an zu drehen. Das ist mir zu früh, um auf einem Kurs nach Visby zu kommen. Ich bleibe hart am Wind. Es läuft, der Finne hat 1 Seemeile Vorsprung. Nun wer mich kennt, weiß, das lass ich nicht auf mir sitzen. Eigentlich bin ich immer im Regattamodus. Immer wenn ich ein schnelles Boot ausmache, setzte ich alles daran einen optimalen Trimm zu fahren. Ich springe durchs Cockpit, zupfe hier, kurbel da. Das hält fit, das verbraucht Energie. Zweites Frühstück wird serviert, denn vom Ersten ist nicht viel in meinem Magen gelandet. Gegen Mittag, der Wind weht schon aus Südwest mit 12kn. Ich bin mit dem schnellen Finnen auf einer Höhe, allerdings 5sm weiter westlich. Vielleicht gibt er sich keine Mühe und das Attribut: schnell streiche ich ab sofort.

Es sieht gut aus, den Hafen von Visby zu erreichen, ohne bei diesen kurzen unangenehmen Wellen die Maschine zu starten. Es ist 17 Uhr, ich laufe unter Segeln in den großen Vorhafen von Visby. Hinter mir nicht der Finne, sondern eine große Fähre.

Täglich werden 1000 Touristen mit oder ohne eigenes Fahrzeug, auf die größte schwedische Insel gebracht. Toll, Gotland lebt von der Neugier vieler Reisenden. Auch ein Grund, weshalb ich hier bin. Ich suche mir einen Platz im Vorhafen. Vielleicht ist es hier günstiger oder gar kostenlos. Der Schwell und die schwarzen LKW-Reifen am Kai lassen mich diesen Plan verwerfen. Ich verhole das Boot in die Marina. Nach kurzem Suchen liege ich in der letzten Ecke, denn der Schwell  von den großen Schiffen ist auch hier zu spüren. Gegen 20 Uhr, ich sitze gerade beim Abendessen, da bemerke ich im Augenwinkel eine finnische Flagge durch den Hafen tuckern. An meinen Parallelsegler hatte ich schon gar nicht mehr gedacht. Geschweige, dass er bis nach Visby wollte. Ich helfe ihm beim Festmachen. Danach fragt er, warum ich hier bin, da ich doch einen anderen Kurs genommen habe? Ich fragte, ob er das Rennen mit dem Hasen und dem Igel nicht kenne. Der Igel hatte im Ziel einen Doppelgänger. Wir lachen und ich spendiere ein Bier aus meiner Backskiste. Für mich ist der Krimi, die spannende Fahrt, gut ausgegangen. Alles hat gepasst. Der langsame Finne ist 3 Stunden motort. Skål.

Was es auf Gotland zu sehen gibt? Lest ihr in den nächsten Tagen. Es bleibt spannend 😉

2 Gedanken zu „Krimi Gotland“

  1. Hallo Michael, endlich wieder ein Bericht, wundervolle Bilder die süchtig machen und immer wieder das Verlangen nach mehr….mehr.
    Da Dein Kurs immer südlicher wird werden wir uns ja hoffentlich bald in Stralsund treffen. Alles Gute für Dich bis dahin und denke daran —- unsere Sucht nach Berichten und Fotos …..mehr …..mehr
    Bis bald gerloupine

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