Leise rieselt der Schnee

Es gibt viele Leute unter uns, die segeln gern. Davon gibt es einen Teil, die das regelmäßig machen und als ihr Hobby bezeichnen. Von dieser kleiner gewordenen Gruppe gibt es welche, die das Hobby leben. Das heißt, sie brennen dafür und tun alles für ein paar Seemeilen unter Segeln. Ihr merkt schon, die Gruppe wird kleiner. Nun, von dieser kleinen Gruppe gibt es welche, die schaffen nicht so viele Seemeilen, weil sie auf dem Boot leben und die verschiedenen Reviere ‚erleben‘. Und das 365 Tage im Jahr. Unvorstellbar? Nein, ich bin einer von ihnen. Dann teilt sich diese wieder kleiner gewordene Gruppe von den „auf dem Boot Lebenden“ in verschiedene Gruppen auf. Die Weltumsegler, die dem angenehmen Wetter folgen, 

oder die Standhaften, die ihr Boot fest zurren und auf besseres Wetter warten. Wo sind die besten Lebensräume? Im Mittelmeerraum ist es ganzjährig gar kein Problem. Den Adriaraum von Kroatien bis Griechenland habe ich getestet.  Oder gar Sardinien und Korsika sind auch sehr gute Alternativen.  Schwierig wird es dann schon im Nord- und Ostseeraum. Es gibt wenige Winterhäfen, die den vollen Service bieten. Auch das habe ich 2 Jahre probiert. Dann gibt es welche, die die Extreme lieben. Und da sind wir bei meiner Gruppe angekommen. Zusammen mit dem französischen Segelboot „Gryning“ und Skipper Stephan sind wir nur noch zu zweit hier oben im Norden Islands. In Isafjordur, nur noch 30 Seemeilen unterm Polarkreis, leben wir auf unseren Booten. Was hatte ich für Bedenken, wie der Herbst mich durchschütteln würde! Oder wie wird es, wenn die Sonne nur noch ein paar Stunden den Himmel erhellt? Wie ist es, wenn es ab Ende November für 2 Monate dunkel bleibt. Die genaue Analyse, wie es mir ergeht, könnt ihr hier regelmäßig nachlesen. Bis jetzt habe ich keine Sekunde bereut. Der erste Schnee ist gefallen. Die Temperaturen waren im August schon selten über 10°. Die Abende und Nächte dann schon mal mit 4° warm. Jetzt, Ende Oktober,  sieht es nicht viel anders aus. Bei Südwind leichte Plusgrade. Bei Nordostwind leichte Minusgrade. Das Thermometer schwankt zwischen 0° und -2° Einmaliger Rekord bis jetzt -6°. Die Luft ist mit 80% Feuchte auch relativ trocken, was einem angenehmen Aufenthalt an der frischen Luft entgegen kommt. Ich kann mich gut an die Abende auf dem Weihnachtsmarkt in Norddeutschland erinnern. Nieselregen bei viel Wind um die 0° machen es nicht angenehmer. Dann diese Dunkelheit in den deutschen Städten. Oft wird an Licht gespart. Da bin ich wirklich lieber hier. Straßenlaternen, die nie ausgehen und schneebedeckte Berge sorgen für jede Menge Helligkeit. Vor 2 Wochen bin ich noch einmal losgefahren. Ich habe für eine Woche ein stabiles Wetterfenster gefunden und die Leinen gelöst. Gleich 25sm nördlich von hier erstreckt sich das riesige Naturschutzgebiet Hornstrandir. Bei schwächelndem Wind konnte ich sogar noch stoppen und ein paar Fische angeln. Gebratener, eingelegter und getrockneter Fisch stehen auf meinem Speiseplan. Die Sonne meinte es gut mit mir und wärmt mir tagsüber die Segelklamotten. Für die kalte Region habe ich extra schwarze Sachen angezogen. Diese heizen sich schneller auf. Mein Ziel war ein bekannter Ankerplatz fern ab der Zivilisation. Traumhaft, der Dieselofen glüht und ich kann mit offenem Schot sogar noch draußen sitzen und die Stille genießen. Ich bin ganz allein. Kann mal jemand die Zeit anhalten?

Das könnte doch ewig so gehen. Nachts wurde ich von einem Klopfen geweckt. Eine dünne Eisschicht schiebt sich am Boot vorbei und lässt an der Bordwand grüßen. Das Wasser mit seinem hohen Salzgehalt friert auch bei Minusgraden nicht so schnell. Allerdings bringen die zahlreichen Wasserfälle aus den Bergen jede Menge Süßwasser mit. Das bleibt dann an der Oberfläche und ändert schon mal seinen Aggregatzustand von flüssig in fest. Nicht bedenklich, am Morgen ist von dem Eis nichts mehr zu sehen. Viel zu schnell vergeht wieder die kleine Auszeit in Hornstrandir. Das Wetter kippt und ich trete den Rückweg an. Unterwegs gelingt es mir wieder, ein paar Fische zu angeln. Vor dem Anlegen in Isafjordur statte ich der örtlichen Bootstankstelle noch einen Besuch ab. Ich könnte vom Liegeplatz auch mit Kanistern zur Tankstelle laufen, allerdings zahle ich dann den vollen Preis. Der liegt für einen Liter Diesel bei 1,85 €. Da macht es Sinn, den steuergünstigen Diesel an der Bootstankstelle zu nehmen. Der Preis dann hier ungefähr 1,05 € für den grün eingefärbten Diesel.

In dem kleinen Hafen für Sportboote haben nur 10 Boote Platz. Ich bin mit 37 Fuss fast das kleinste Boot. Die Handvoll einheimischer Segler haben auf der östlichen Seite der Stadt noch einen Schwimmsteg, der mir allerdings wenig Vertrauen einflößt.

Ich liege gut geschützt vor den beiden möglichen Winden. Es gibt nur Nordost oder Südwest, denn was anderes lässt der Fjord hier nicht zu. Ahoi.

2 Gedanken zu „Leise rieselt der Schnee“

  1. Hallo Micha,

    sensationell! Wieder mal sehr schön geschrieben und sehr interessant. Toll, daß ich das hier miterleben kann/darf!
    Nächstes Jahr im August komme ich auch da oben in die Ecke, aber leider mit einem (etwas) größeren Schiff zusammen mit ca. 600 Nichtseglern. Ich bin gespannt!
    Dir noch weiterhin wunderschöne Stunden da oben am Rande der Landkarte —- und—–zieh dich warm an!!

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