Letzte Tour heute?

Bitte noch ein einmal. Im Frühjahr freut man sich auf den ersten Törn. Den ganzen Winter haben wir alle Pläne geschmiedet. Wo geht’s hin? Was werden wir erleben? Wen lernen wir kennen? Wie wird das Wetter? Dann geht’s los, im Mai oder vielleicht schon im April, wenn morgens noch Raureif auf den Luken glänzt. Wie sehnsüchtig wird der erste Start in die neue Saison erwartet? Und dann rückt irgendwie der Herbst näher. Wie immer viel zu schnell. Wurde dieses Jahr der Sommer ausgelassen? Der Herbst hat natürlich auch noch wunderschöne Segeltage, lange Wochenenden oder vielleicht sogar eine Charterwoche mit Nachsaisonpreis. Nachsaison, das hört sich ja an. Nach welcher Saison frage ich mich immer. Nachsaison ist Vorsaison, also am besten gar nicht aufhören mit Segeln. Damit dieses Gefühl, etwas verpasst zu haben, gar nicht erst aufkommt. Ich bin die letzten zwei Winter durchgesegelt. Rostock, Stralsund, Hiddensee, Klintholm und Gedser waren die überschaubaren Ziele. Eine Erfahrung der besonderen Art. Alles ist anders, alles geht schwerer und langsamer, in den Häfen ist man allein. Angezogen wie zu einer Polarexpedition komme ich mir manchmal vor wie ein Sumoringer. Das Gefühl, unterwegs zu sein, ist dafür grandios. Doch jetzt ist es auch mein letzter Törn für diesen Winter. Ich habe einen Krantermin. Nach 9000 Seemeilen hat X-Trip eine eigene kleine Pockenzüchtung am Unterwasserschiff und der grüne Bewuchs ist auch schon vom Steg aus zu sehen. Weiterhin tragen kurze Leinen in der Schraube und am Ruderschaft nicht gerade zur Höchstgeschwindigkeit bei und müssen raus. Sind Einhandsegler doch einsam? Nach dem Rauskranen und auf dem letzten Törn im November auf jeden Fall.

Weihnachtsmarkt und Segelboot

Vorgestern habe ich mein Boot vom Rostocker Stadthafen nach Warnemünde verholt, um heute den langen Schlag Richtung Rügen zu machen. Schon um 7 Uhr geht es los, es regnet. Ach man, war das eben noch kuschlig in der Koje. Jetzt hantiere ich mit nasskalten Festmachern rum. Vor Warnemünde steht eine fürchterliche alte Welle vom gestrigen Westwind. Heute die Vorhersage: Südsüdwest mit 10-12 kn. Eigentlich perfekt. 4 Stunden geht es mit fürchterlichen Geschaukel, teils sogar mit Maschine, um etwas Fahrt ins Boot zu bekommen, voran. Nur 6kn Wind, genau von hinten. Ich bin bestimmt schon 40-50 mal am Darßer Ort vorbei gesegelt, ich mag die Strecke nicht. Strömungen, konfuse Wellen und drehende Winde kann ich auch heute ins Logbuch eintragen. Ich habe mal einen Weltumsegler getroffen, er meinte, an 3 Stellen auf der Welt hat er mal richtig eins auf die Mütze bekommen. Irgendwo in Indonesien, am Capo Fisterra in der Biskaya und am Darßer Ort…..

Darßer Ort – Tonne West

Nach einer Stunde Flaute kommt Nordwind auf, wie unpassend, wenn man um die gelben Tonnen rum will. Danach wird’s glatt, auch der gemeldete Südwind ist wieder da. Bei plötzlichen 8-9kn Speed habe ich das Gefühl, dass mein Boot es gar nicht erwarten kann, an den Kran zu kommen. Es regnet in Strömen, ich sitze unter Deck, habe die Heizung an. Tee und Müsli sind jetzt meine Reisegesellschaft. 14:30 peile ich schon Tonne 10 vor Hiddensee an. Die Fahrwassertonne, die zu umrunden ist, wenn man nicht durch die Kernzone vom Naturschutzgebiet fahren will. Der Wind hat auf Südwest gedreht. Ich rutsche mit 8kn in die Enge zwischen Hiddensee und dem Bock vor Barhöft. Noch 8 Seemeilen bis Stralsund. Nein, hier soll heute noch nicht Schluss sein. Ich mache den Anker klar und biege vor Barhöft auf einen der schönsten Ankerplätze der Region ab. 15:30 als es dämmert und der Anker im Schlamm Halt findet. Schön, wenn man einfach so den Plan kippen kann und die Segelsaison noch ein klitze kleines Stückchen verlängern kann. Schnell noch alles aufklaren und dann ins Warme unter Deck. Ich freue mich auf Morgen, noch eine allerletzte Tour zu haben. Ahoi.

Rügenbrücke

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.