Segeln auf den Färör 2

Vortsetzung von „Günstiger als günstig“ vom 28. Juli.
Nach meinen Berechnungen sollte ich unterstützenden Strom von hinten haben. So konnte ich das auch von der wunderbaren App „Rak“ ablesen, die extra für die Färör-Inseln entworfen wurde. Die Strömung hatte wirklich 7-8kn entlang der berühmten schönen Nordküste der Färör-Inseln. Der Wind weht wieder so schwach, dass er nicht einmal vermag, die Segel zu füllen. Wieder schlagen die Segel hin und her. Mein Boot ist wie ein Spielball in den Wellen, die mittlerweile wieder 2-3 Meter hoch sind, aber nicht gleichmäßig und wieder erwartet mich ein unregelmäßiges Caos.

North Coast

Das Wasser scheint zu kochen. Es schwabbelt und schaukelt so sehr, dass ich diese Entscheidung, hier entlang gefahren zu sein, schon nach einer Stunde bereue. Kein Wind zur Stabilisierung, es geht unter Maschine mit 12-15 kn an der imposanten Nordküste entlang. Keine Zeit zum Filmen oder Fotos machen. Ich bin nur damit beschäftigt, mein Boot in die richtige Richtung zu halten, um nicht die großen Brecher zu erwischen. Es pendelt von links nach rechts mit 40° Schräglage. Ein unglaubliches Geschepper unter Deck. Hoffentlich bleibt alles heil. Wer soll hier helfen, wenn etwas passiert? Ein kurzer Blick zu einem treibenden Fischer beruhigt mich etwas. Wie kann er nur bei dem Seegang ruhig seinen Fang einholen? Bestimmt raucht er noch ganz entspannt seine Pfeife.

Ejde

Als ich am Abend im Hafen Ejde zu ihm gehe, meint er: „.. das wäre noch kein richtiger Seegang.“ Ich denke so bei mir: Was bin ich doch verwöhnt von der Ostsee.

kurioser Campingplatz

In Ejde ist nicht viel los. Fischerhafen, Schwimmsteg mit Strom und ohne Gebühren. Kein Supermarkt, eine hübsche Kirche und ein Campingplatz auf einem Fussballplatz. Ich will den Hafen als Schutz vor dem nahenden Sturm nutzen. Am Abend ballert es schon mit 40kn im Hafenbecken. Mein Boot zerrt ganz ordentlich an den zusätzlichen Festmachern. Noch einmal komme ich mit dem gleichen Fischer ins Gespräch. Auch jetzt meint er: „ Das ist doch noch kein Wind.“ So schnell wie der Wind kam, so schnell war er auch wieder weg. Ich vermerke am nächsten Morgen im Bordbuch: 8 Uhr Regen und 35kn, 8:30 Sonne 0kn. Ich entdecke auf der Karte unweit von Ejde einen weiteren Hafen, der müsste für das nächste Sturmtief besser gelegen sein.

Hardolsvik

Löse die Leinen und steuere den Hafen Haldorsvik in 1 Seemeile Entfernung an. Seit dem ich im April unterwegs bin, staune ich über meinen enormen Dieselverbrauch. Das ganze Fahren unter Maschine ist neben dem Verbrauch auch eine nervige Angelegenheit. Weder im gestrigen Ejde noch in Haldorsvik gibt es eine Tankstelle. Ich lege wieder ab und fahre den langen Fjord Sundene mitten durch die Färör Richtung Süden. Kurz vor einer Brücke mit einer Durchfahrtshöhe von 16 Metern, zu wenig für mich, fällt mein Anker mitten im Fahrwasser auf 5 Meter Wassertiefe.

2 Koffer für Diesel

Der Strom zerrt mit 3 kn Richtung Norden an der Kette. Ich gebe 40 Meter Kette, bis ich sicher bin, dass das Eisen hält. Mein Plan: Ich will meine Dieselvorräte auffrischen, denn mit halbvollem Tank auf den Atlantik hinaus zu schippern, ist keine so gute Idee. Jetzt muss es schnell gehen. Ich lasse mein Kajak zu Wasser, schnappe mir 2 Kanister, die vorher noch schnell in den Tank umgefüllt werden müssen, und paddle Richtung Ufer.

Immer wieder mit dem Blick zum Boot, ob der Anker auch hält. An Land dann der Marathon, ich laufe mit den leeren Kanistern über ein Grundstück, eine Gänsefarm, eine Schafweide voller Schafsköddel, über eine Straßenkreuzung und einen Parkplatz eines Baumarktes im Gewerbegebiet. An einer Tankstelle bleibt mir Zeit zum Verschnaufen. Schnell 40 Liter aufgefüllt, bezahlt und mit den nun nicht mehr so leichten Kanistern den Rückweg angetreten. 2×20 Liter!!! Ich hasse das Motoren und den ganzen Dieselverbrauch jetzt noch mehr denn je. Am Boot angekommen läuft mir der Schweiß den Rücken runter. Wie sich heraus stellt, hätte ich es viel leichter haben können. Ein Fischer beobachtete mich bei dem Ankermanöver und bei der Fahrt zurück im Fjord. Der Fischer ist Fróði Leivsson Ejdesgaard von den Färör und hat mich schon einige Tage bei MarineTraffic auf dem Schirm. Am Nachmittag kommt er nach Haldorsvik und bietet mir an, mich zur Tankstelle zu fahren, nicht ahnend, dass ich das nun schon hinter mir habe. Wir kommen ins Gespräch. Am Abend läd er mich zu sich nach Hause ein. Draußen tobt inzwischen das nächste Sturmtief über die Inseln. Ich sitze bei Fróði, seiner Frau Tanja und ihren gemeinsamen 5 Kindern beim Abendbrot. Es gibt bei reichlich Bier auch große Mengen Walfleisch zu essen. Nun sehe ich den Walfang nicht gerade positiv. Das Töten der angeblich großen Mengen wirft einen Schatten auf die Färörer. Fróði und alle Beteiligten sehen es allerdings anders. Es ist Tradition, Grundnahrungsmittel und nach seinen Worten steht keine der gefangenen Walart auf einer gefährdeten Liste. Auch darf nicht jeder die an den Strand getriebenen Wale töten. Nur ganz wenige haben eine Lizenz und spezielle Hilfsmittel dazu. Der letzte große Fang lag schon ein Jahr zurück. Spät in der Nacht bin ich am Boot zurück.

Hardolsvik

Haldorsvik ist eine gute Wahl bei der Windrichtung. Am Morgen weht es noch immer ordentlich im Fjord. Der Schwimmsteg, wahrscheinlich für Trawler gebaut, scheint einiges auszuhalten. Ein anderer Fischer kommt vorbei und fragt nach meinem Befinden. Ihn interessiert meine Reise mit dem Boot von Deutschland zu den Färör-Inseln. Er bucht von seiner Stromkarte ein Volumen ab, damit ich für die nächsten Tage auch Strom im Boot habe. Dankeschön, wie nett hier doch alle sind. Am Abend wieder der Besuch von Fróði und eine erneute Einladung zum Abendessen. Wie soll ich denn so meine Vorräte verbrauchen, wenn es so weiter geht? 😉 Morgen breche ich besser auf nach Island.

Es bleibt noch Zeit zu einer Wanderung bei herrlichem Sonnenschein zum großen Wasserfall „Fossa“.

Danach geht es los. Aus dem Cruising-Guide habe ich mir noch eine empfohlene Ankermöglichkeit ausgesucht. Saksum, eine schöne Bucht und ruhig gelegen soll sie sein. Doch es kommt anders. Kaum bin ich wieder auf dem offenen Atlantik, geht das Theater mit den schwabbligen Wellen von vorn los. Der Strom ist mit mir , aber ich will nicht wieder 20 Seemeilen lang ein Spielball sein. Ich nehme Kurs auf Tjörnevik, eine schützende Bucht an der Nordküste.

Tjönevik

Ich will hier auf bessere Bedingungen warten. Die stellen sich allerdings nicht ein. Der Schwell ist unangenehm, ich komme nicht einmal dazu die Augen zu schließen. Ich paddle mit dem Kajak an Land, um mir das Örtchen Tjörnevik anzuschauen. Allein das Anlanden mit dem Kajak wird eine zirkusreife Nummer, denn es gibt keinen Hafen. Der Ort ist laut Beschreibung die älteste Ansiedlung auf den Färör-Inseln. Auch eine kleine Kirche finde vor. Der Pfarrer ist zufällig vor Ort. Wir kommen ins Gespräch, da ich mit meinen durchnässten Klamotten vom Kajak kein normaler Tourist zu sein schein. Ich bitte den Pfarrer, mir ein paar gute Worte mit auf dem Weg nach Island zu geben. Der Pfarrer beginnt sofort auf englisch seine Predigt. Ich unterbreche und bitte ihn, in seiner Landessprache fort zufahren. Ich habe kein Wort verstanden, wie sich später heraus stellt, ist doch alles gut gegangen. Vielen Dank nach Tjörnevik. Auf dem Rückweg zum Boot werde ich wieder nass beim Kajak fahren. Die Wettervorhersage ist nicht sehr abwechslungsreich. Ich lichte den Anker und fahre einen Tag früher als geplant Richtung Island. Fróði Ejdesgaard postet bei Facebook: „X-Trip, allone on the way to Island“.