Segler trifft auf Segler

Oder: Blogger trifft Blogger

Ich bin unterwegs in der Biskaya, aber auf die harte Tour. Einmal innen herum, immer an der Küste entlang. Nordspanien und jetzt Frankreich, Schwerstarbeit, wenn man doch im Hinterkopf ein Ziel oder besser einen Termin hat, nach Hause zu segeln. Ich bin zum Glück nicht allein und treffe viele Einheimische und Fahrtensegler, so auch Sabrina und Nico von der SY EOS. (www.Sonnensegler.net) Ich verfolge ihre Abenteuer schon seit einiger Zeit und wusste, dass sie hier in Bourgenay ganz in der Nähe überwintert haben. Eine kurze Nachricht und ich rutsche von Port Medoc rüber nach Royan an der Gironde, der größten Flussmündung Europas. Ein großer Hafen, der ziemlich voll ist und wo ich gerade noch einen Platz erwische, der tief genug ist. Die beiden begrüßen mich schon an der Tankstelle und ich nehme sie mit als Linehandler 😉
Wir sitzen noch bis noch bis früh in den Morgen quatschen und haben uns jede Menge zu erzählen.

Ich frage die Beiden: Wie lange seid ihr schon hier in Royan und wie gefällt es euch? Ein wirklich turbulenter Ort?

Sabrina: Wir sind seit gut einer Woche hier, ich glaube 10 Tage. Wir finden Royan Klasse. Viel los, aber nicht überfüllt. Jetzt schauen wir wieder aufs Wetter und verlängern jeden Tag um einen weiteren Tag.

Ich: Ihr braucht Nordwind, von dem habe ich die Nase voll. Bin wie ihr in einer sehr konfusen Wetterlage hier hoch gekommen. Habe euren Bericht auf eurer Seite Sonnensegler.net gelesen. Es ist aber alles gut gegangen. Oder?

Nico: Ja alles gut, aber das müssen wir nicht gleich nochmal haben. 6-7 Beaufort von achtern und ordentlich Schwell von der Seite. Und dann die Anfahrt in der Nacht hier nach Royan. Das war nicht schön. Dazu noch alles unheimlich flach hier.

X-Trip in Royan
X-Trip in Royan

Ich: Ein Albtraum für mich. Ich brauche 2,10m und habe lieber noch einen Meter Sicherheit. Ihr könnt aber mit eurem Kimmkieler trocken fallen. Seid ihr zufrieden mit dem Boot?

Nico: Ja, wir haben auf 30 Fuß für uns beide genug Platz. Nur die beiden Kiele machen das Boot langsam und der Rumpf setzt relativ hart ein, was immer wieder bremst und entsprechend zu spüren ist.

Ich: Schnell ist nicht wichtig, komfortabel muss es sein. Das ist entspannter. Aber davon bin ich zurzeit auch weit weg. Bei mir flogen auf dem Trip hierher alle Sachen im Boot, die nicht angeschraubt sind, durcheinander. Das absolute Chaos auf der Tour von der nordspanischen Küste bis hier zur Gironde in Frankreich. 220 Seemeilen am Stück. Ich war ganz schön kaputt. Euer Boot ist sehr gut ausgerüstet. Was fehlt?

Nico: Aktives AIS, damit uns andere sehen und vielleicht Radar damit wir alle sehen.

Ich: Ich habe zum Beispiel Angst vor Seglern, die sich genau wie ich im 20 min Takt schlafen legen und keine AIS Kennung haben und dabei meinen Kurs kreuzen. Ihr könnt euch immer ablösen mit der Wache, das ist besser, bei mir schläft auch Loupi durch.

Sabrina: Nach Camaret sur mer hast du es fast geschafft, biegst in den Kanal ab und hast wieder mehr Wind von achtern und kaum noch Schwell. Die Biskaya ist da leider ziemlich ungemütlich.

Ich: Ich finde als Segler hat man nicht nur schöne Momente. Es gibt sehr viele Höhen und Tiefen, mehr als im früheren Berufsleben. Wobei die Phasen immer etwas länger sind als früher. Emotional wird man ganz schön auf die Probe gestellt. Im Hafen oder in der ruhigen Ankerbucht ist dann meist ein nicht so schöner Segeltag schnell abgehakt. Was habt ihr früher gemacht? Und warum habt ihr euch fürs Segeln entschieden.

Sabrina: Ich war bis vor kurzem noch Erzieherin und habe selbst gekündigt.

Nico: Ich bin gelernter KFZ-Mechaniker, habe aber auch viele andere Jobs gemacht, die nicht gerade glücklich machen. Wir wollen einfach mehr von der Welt sehen. Und das mit dem Boot. Uns hat die Vorbestimmtheit, die Eintönigkeit, das durchgeplante Leben wie Arbeit, Haus und Rente nicht gefallen. Warum bist du unterwegs?

Ich: Aus den gleichen Gründen, zu viel um die Ohren. Aufstehen, arbeiten, schlafen gehen. Der Raum für Freuden wurde immer kleiner. 70 Stunden in der Woche Arbeit und kaum Urlaub ist nicht der richtige Weg wie ich finde. Ich habe alles verkauft und bin auf´s Boot gezogen. Jetzt bin ich fit, beweglich  und kann diesen Traum leben. Ich will nicht die Träume hinaus schieben. Vielleicht geht es irgendwann nicht mehr. Und dann geht man an den Gedanken etwas nicht getan zu haben kaputt. Vor 3 Jahren ist der Plan entstanden, segeln gehe ich seit meiner Kindheit aber Langfahrtsegler bin ich erst jetzt geworden. Seit 5 Monaten bin ich nun unterwegs und kann sagen: Das ist genau das was ich will. Ihr seid schon letztes Jahr los, so viel wie ich weiß aus dem Binnenland von Rees den Rhein runter über Holland in den englischen Kanal ins Salzwasser. Warum nur bis Bourgenay hier in Frankreich?

Nico: Wir hatten ein Defekt am Boot und ich habe mir bei der Reparatur eine Rippe gebrochen. Da haben wir die Reise unterbrochen und unser Boot an Land gestellt. Den Winter haben wir dann in Deutschland verbracht. Sabrina hat wieder als Erzieherin gearbeitet und ich in der Werkstatt, um Teile fürs Boot anzufertigen. Ein Film ist in dieser Zeit auch entstanden. Wie ist dein Plan?

Ich: Plan ist, keinen zu haben. Nein dieses Jahr fahre ich von Kroatien, wo ich 2 Jahre die Adria hoch und runter gesegelt bin, über Griechenland, Tunesien, Algerien dann Portugal, Spanien, Frankreich und über England dann nach Hause in die Ostsee. Ein Trip über 5000 bis 6000 Seemeilen. An dem Boot muss ich wieder einiges reparieren und nächstes Jahr bin ich in meinem Heimatrevier. Darauf freue ich mich schon riesig.

Sabrina: Warum fährst du nach Deutschland wenn dir das Mittelmeer so gut gefallen hat?

Ich: Weil meine Familie und meine Freundin dort wohnen und ich da zu Hause bin. Das ist ja nicht das Ende meines Seglerlebens ich bin jetzt 46. Auf diesem Törn habe ich mich auf einige Höhepunkte gefreut. Wie Korfu, Sizilien, Gibraltar, die Algarve und Kap Finisterre, alles wunderbar. Jetzt freue ich mich schon auf Brest, den englischen Kanal und Dover an der Südküste von England. Und so gibt es auch noch Ziele auf der Ostsee, wie die schwedischen Schären, das Åland-Archipel, die Kurische Nehrung oder gar Haparanda ganz im Norden.

Sabrina: Wann willst du zu Hause sein?

Ich: Zum Mittagessen. Lach. Mein Vater hat Ende September Geburtstag. Und ich glaube er freut sich riesig, wenn ich es bis dahin schaffe.
Aber mehrere Tage am Stück durchsegeln kann ich auch nicht. Erst einmal ist Loupi mit dabei und dann will ich die Reise leben. Zurzeit habe ich das Gefühl, dass alles nicht stimmt. Das Boot läuft nicht ordentlich. Ich bin ganz schön kaputt und meine gesammelten Erlebnisse und Eindrücke muss ich erst einmal verarbeiten. Habe einen ganz schönen Tiefpunkt im Moment. Wie ist es bei euch, wenn ich auf den letzten Törn schaue?

Nico: Bei uns auch. Absoluter Tiefpunkt. Wir wünschen uns wieder normale Segeltage ohne Angst ums Schiff und um die eigene Sicherheit haben zu müssen.

Ich: Werdet ihr haben, es geht vom Kap Finisterre runter mit Rückenwind und mit dem Strom. Auch ich freue mich in einiger Zeit wieder diese Strecke zu fahren. Fahrtensegler sind schon hart im Nehmen. Warten auf Wind oder warten bis der starke Wind nachlässt oder aus der richtigen Richtung kommt.

Sabrina: Mittlerweile haben wir da auch etwas dazu gelernt und werden so langsam geduldiger.

Ich: Ja man kann nichts erzwingen. Ich möchte eben ein Stück von der Welt sehen und für mich entdecken. Und nicht vorbei reisen oder rasen. Ich bin nur immer im Zwiespalt, ob ich noch mehr Buchten ansteuere oder nicht. Das Gefühl etwas zu verpassen fährt immer mit. Habt ihr das auch?

Nico: Das hatten wir ganz am Anfang der Reise. Da war alles genau geplant. Irgendwann hat sich dann unsere Einstellung gewandelt und mittlerweile lassen wir uns mehr treiben. Wir sind zwar dadurch unheimlich langsam unterwegs, aber verpassen wenig.

Ich: Es kommt auf die gesetzten Ziele an. Wenn ich zum Beispiel jetzt an Dover vorbei segle, dann habe ich etwas verpasst. Aber wenn ich nur 2 Tage in Lissabon war, dann reicht das und wird mir sogar zu viel oder als Zeitverschwendung empfunden. Dann war ich von Mellia, der spanischen Enklave in Nordafrika, mit dem Fahrrad in Marokko. Das wollte ich unbedingt erleben. Leider auch dort im Polizeigewahrsam auf das ich gern verzichtet hätte. Aber ich habe nichts verpasst, versteht ihr wie ich das meine?

Nico: Ja, genau. Wir haben gar keinen genauen Zeitplan mehr. Erst einmal südwärts. Spanische Nordküste, Galizien und dann hoffentlich auf die Kanaren. Du kommst über Tunesien und Algerien. Erzähl doch mal, vielleicht ist das ja eine Option.

Ich: Ich reise immer ohne große Streckenplanung wie es dort oder dort genau aussieht. Und so habe ich auch die Route über Nordafrika gewählt und mir nur Karten und einige Bücher besorgt. Ich werde so nie enttäuscht und freue mich über die vielen, vielen Erlebnisse. Als dann Mitte März der Anschlag in Tunis war, nahm ich Kontakt mit dem Auswärtigen Amt auf ob es noch ratsam sei dort hin zu segeln. Nein, aber es ist nicht gefährlicher als ein Schnupfen zu bekommen oder einen Beinbruch zu erlegen. War dann die Antwort. Ich bin so etwas von positiv überrascht worden und habe wirklich nur nette Leute kennen gelernt. Habe auf der gesamten Strecke keine Liegegebühren und kein Essen bezahlen müssen. Was der Reisekasse enorm gut tut. Wie lange habt ihr denn eure Reise geplant?

Nico: Wir haben kein Limit was die Zeit angeht. Unser Limit ist die Bordkasse, also ist alles offen. Wir denken momentan auch noch nicht konkret an die Atlantiküberquerung. Wir sind erst das 2. Jahr an Bord, mit einer Unterbrechung im Winter. Wir sind noch Neulinge was das Fahrtensegeln angeht.

Sabrina: Ja, keinen Plan, wie lang und wohin. Wenn es eines Tages rund herum gegangen ist dann wäre das großartig, aber bis dahin wird es wohl noch einige Jahre dauern und wer weiß schon, wo er bei so einem Abenteuer am Ende landet.

Ich: Das klingt ja planlos. Auch für mich ist Langfahrt neu. Habe bestimmt 15000 oder 20000 Seemeilen Erfahrung, aber das Leben an Bord ist neu für mich. Wie lange segelt ihr schon?

Sabrina: Wir waren etwa 5 Jahre Binnen unterwegs, aber haben erst etwa 900 Seemeilen Salzwasser unter den Kielen. Deine Tipps über die nächsten Abschnitte sind deshalb sehr hilfreich für uns.

Ich: Was waren die schönsten und die schlechtesten Erlebnisse bis jetzt auf dem Törn?

Nico und Sabrina: Die Delfine, Wale und das Segeln im Ärmelkanal waren am schönsten. Dazu die Begegnungen mit Menschen. Wir haben in den wenigen Monaten mehr Leute wirklich kennengelernt als in den Jahren davor im Alltagstrott.

Ich: Das mit dem Kanal erstaunt mich. Vor dem englischen Kanal habe ich Respekt. Ja und Delfine sind auch für mich immer wieder ein riesen Erlebnis, ich konnte vor kurzem endlich einmal brauchbare Unterwasseraufnahmen machen. Zeige ich euch nachher. Und die negativen Erlebnisse?

Nico: Zum einen die Seekrankheit, die uns immer wieder zusetzt und die schwierigen Segelbedingungen, die nicht planbar sind, uns überraschen und das Gefühl vermitteln, dass man nicht mehr segeln kann.

Ich: So fühle ich auch, obwohl ich seit 40 Jahren auf dem Wasser einiges erlebt habe, verschiedene Boote gesegelt bin und auch Regatten nicht ausgelassen habe. Ich war viele Jahre lang sogar aktiver Windsurfer, in Europa unterwegs und habe Meisterschaften erfolgreich bestritten. Und doch ist die Biskaya ganz anders.

Nico: Wann bekommt man denn Routine beim Segeln? Wird man überhaupt irgendwann ruhiger und entspannter bei Schwerwetter?

Ich: Das wird nicht besser.

Sabrina und Nico lachen: Toll, schöne Aussichten, das macht Mut.

Ich: Schlechte, negative Erfahrungen werden schneller vergessen, aber diese Erfahrungen machen routinierter. Es wird trotzdem immer wieder Tage geben, an denen man alles verflucht und es besonders miserabel ist.

Ich: Ich fahre mit Hund wie ihr wisst. Was es besonders schwierig macht, täglich Land zu erreichen und auch anlegen oder ankern zu können. Auf euren Bildern habe ich auch einen Hund gesehen. Wo ist er, und warum fährt er nicht mit?

Sabrina: Er ist bei Nicos Eltern, in dem Haus, in dem wir auch unser zu Hause haben, wenn wir irgendwann zurückgehen.

Nico: Er ist chronisch krank, was es sehr schwierig machen würde ihn an Bord entsprechend zu versorgen. Wir vermissen ihn sehr, aber es wäre nicht gut ihn mitzunehmen.

Schön dass wir uns hier getroffen haben und einige Tipps austauschen können. Auf eurem Blog www.Sonnensegler.net kann jeder nachlesen wie es euch ergeht. Gute Ankerplätze und Infos zum Umgang mit dem enormen Tidenhub an der französischen Küste sind für mich sehr hilfreich. Danke euch beiden Allzeit Gute Fahrt, wir bleiben ja in Kontakt.

Nico, Sabrina, Micha & Loupi
Nico, Sabrina, Micha & Loupi

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