Skagen to Lerwick und 3 Fehler

Manchmal macht man Fehler. Ich mache gleich 3. Die Wettervorhersage meint: Sonntag Nordost, schwach windig. Ok, Klar Schiff und bereit für den großen Sprung von Skagen nach Schottland.

Viel Verkehr erwartet mich an Dänemarks Nordspitze. Bei leichten Winden rutsche ich über den Skagerak.

Ich überquere noch im Hellen die Schifffahrtslinie und nehme Kurs auf das Kap Lindesnes, der Südspitze von Norwegen. Auf Höhe Kristiansand erwischt es mich mit 35kn und Schneeregen bei 2°. Es ist keine Barfussroute. 1. Fehler: Ich versuche, in den Schären einen Ankerplatz zu finden. Die Schärenwelt ist ähnlich wie an Schwedens Küste. Nur sind hier die Wassertiefen entweder 50cm oder 50 Meter. Nach langer Suche finde ich einen Platz auf 15m Wassertiefe und lege mich zum Schlafen hin. Der Wind nimmt zu. Etwas später holt der Ankeralarm mich aus der Koje. Auch ein 2. und ein 3. Versuch, dem Anker einen guten Halt zu bieten, misslingen. 55 Meter Kette haben bei 35kn Wind  keine Chance. Aufbruch bei nun 40kn Wind. Der Regen peitscht übrigens noch immer, mein 2. Satz an Klamotten ist auch schon durchnässt. Es macht keinen Spaß. 2. Fehler: Kalt und müde entscheide ich, nach Mandal abzubiegen,  statt einfach weiter zu fahren, um vor dem angekündigten Starkwind aus Süden  zu bleiben. Mandal, eine Stadt komplett bestehend aus Liegeplätzen für Boote. Ich wähle einen gut besuchten Steg aus. Am nächsten Morgen tapse ich durch die menschenleere Stadt, auch hier der 1. Mai ein Feiertag. Kein Bäcker, kein Supermarkt hat offen. Zurück am Boot frage ich einen norwegischen Frühaufsteher, es ist mittlerweile 10 Uhr.

Wo könnte ich denn meinen Platz bezahlen? Und wie ist das mit dem Zoll und der Einklarierung für Norwegen? Er meint: „Das sind aber viele Fragen. Du kommst doch aus Deutschland, da zahlst du doch schon genug in die Europäische Union. Gefällt dir Mandal?“ Ja, natürlich.

3. Fehler: Gegen Mittag will ich weiter. Der Plan, nicht so viel vom Südwind abzubekommen, geht voll in die Hose.

Die Welt ist noch in Ordnung, als ich am Kap Lindesnes mit Strom von hinten vorbei rutsche. Das Südkap von Norwegen, klingt wärmer als es ist. Gegen 0:30 Uhr, also 12 Stunden zu früh, setzt  der angekündigte Wind mit 35kn aus Süd ein. Ich berge das Groß und drehe ab. Kurs Nordwest. Was noch gut fahrbar ist. Doch es sollte anders kommen. Für 24 Stunden ständig über 30kn Wind, Spitzen bis 48. Ich nenne es die Ü30 Party, doch zum Feiern ist mir nicht zu Mute. Alle 10 Minuten Segeltrimm, Kurskorrektur und Aufräumen unter Deck. Chaos, wohin ich schaue, fühle mich wie in einem Würfelbecher, hin und her geworfen. Finde keinen Schlaf und bekomme keinen Bissen runter geschluckt. Seekrank, auch das noch!

Ob es meinen lustigen Begleitern ebenso ergeht? Es geht den ganzen Tag, die Wellen erreichen stellenweise 4 Meter Höhe und ich habe keinen Plan B. Kein Schutzhafen, keine Küste in Lee in Aussicht. Es ist kalt, nass und ungemütlich. Am Telefon von zu Hause auch keine Wetterbesserung in Sicht. Ich donner den ganzen Tag durch die Wellenberge. Geschwindigkeit über Grund zwischen 4 und 16 kn. Ich komme auf ein Etmal von 187 Seemeilen. Dann auf Höhe der Orkney Inseln, aber  dichter an Norwegen als Schottland, ein Winddreher. Genau zwischen einigen beeindruckenden Ölplattformen und Bohrtürmen komme ich zum Stehen. Chaos, alte Welle trifft auf neue Welle aus West. Nur ist der Wind noch nicht da. Meine Maschine springt nicht, Resultat des Wassereinbruchs im Dieseltank, durch die extremen Schräglagen hat sich durch die Entlüfung Wasser von außen rein gedrückt. Nur mit Genua versuche ich aus der Schusslinie der dicken Tanker zu kommen. Gelingt mir auch nicht, es geht keinen Meter vom Fleck. Ich hänge in einer Fischreuse auf 100m Wassertiefe fest. Ich stelle mir die Frage: Wieviel hält ein Mensch aus. Bei diesem ganzen Rumgehampel wird meine Frage noch mal untermauert: Ich stolpere im Cockpit und schlage gegen 1 Uhr Nachts mit dem Kopf auf die Süllkante. Knock Out, wie lange ich da gelegen habe, weiß ich nicht. Als ich zu mir komme, sieht mein Boot aus wie ein Walfänger auf großer Fahrt, alles voller Blut. Einhandsegeln, kann ich immer wieder wärmstens empfehlen. Ich brauche bei dem Seegang über eine Stunde, um meine Platzwunde  zu verarzten. Da ich noch immer an einem Seil von dem Fischernetz hänge, entscheide ich ins Bett zu gehen, um etwas zu schlafen. Bessere Ankerplätze sind sowieso nicht in Sicht. Der 3. Tag unterwegs sollte besser starten. Irgendwie löst sich gegen 4 Uhr das Seil von der Reuse und ich segle nur mit Genua anfangs Kurs Nordwest, später dann West Richtung Shetland Inseln. Noch einmal 24 Stunden noch einmal 142 Seemeilen bis Lerwick auf Mainland, den Shetland Inseln. Ein Wechsel vom Dieselfilter unterwegs brachte keinen Erfolg, zu viel Wasser im Tank. Die Maschine lässt sich nicht starten.

Mit letzter Brise lege ich geräuschlos am Pier in Lerwick an. Windstill. Ich war noch nie so glücklich,  nach 350 Seemeilen einen Hafen erreicht zu haben. Ahoi, es bleibt spannend!

10 Gedanken zu „Skagen to Lerwick und 3 Fehler“

  1. Nach all dem Maleur auch noch unter Segel in den Hafen…
    Gratulation und Hochachtung vor Deiner Höchstleistung.
    Was ist mit Deiner Kopfwunde ?
    Wünsche alles Gute.

  2. Mensch Micha,
    nee, das möchte ich nicht erleben!
    Ich wünsche dir jetzt nur noch bessere Tage und schönere Erlebnisse. Immer eine Handbreit….!….und den richtigen Ankergrund!

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