Þetta reddast!

Was ist nur mit der Wettervorhersage los? Montag 18 Uhr: Südost 12-15kn, 24 Uhr abnehmend. Dienstag: Süd schwach windig. Also den ganzen Tag nix. Ich habe mich darauf eingestellt, wieder einmal zu motoren. Auch wenn es ein ganzer Dienstag werden sollte. Einen Tag früher bin ich aufgebrochen von Tjörnevik auf den Färöer-Inseln, um vielleicht noch Montagabend den Wind zu nutzen. Jetzt weht es mittlerweile wieder mit 20-25 kn. Es ballert, ich habe gerade das Großsegel eingeholt. Seit heute Nacht bin ich schon im 2.Reff gefahren, es ist Dienstagmittag und es weht ordentlich aus Südwest. Westmännerinseln im Südwesten von Island kann ich bei der Windrichtung sowieso streichen. Also Plan B: Höfn an der Südostküste Island wird angepeilt. Zum Glück scheint heute mal die Sonne und es ist nicht so kalt. Ich versuche den Bordalltag so gut wie möglich zu organisieren. Auf die Wellen gucken, Bordbuch schreiben, Essen zubereiten, 15 Minuten Schlafen und wieder gucken. Es schaukelt wieder einmal beachtlich. Wer hat eigentlich gesagt, dass es eine entspannte Überfahrt wird? Überfahrt, wenn ich über dieses Wort nachdenke, fällt mir ein altes Volkslied ein: „Heut fahr´n wir über´n See, über´n See. Heut fahr´n wir …..“ Ich singe laut und habe nun einen Ohrwurm. Zum Glück hört mich hier niemand auf dem Nordatlantik. Es ist auch kein Verkehr, ich kann den ganzen Tag 2 Fischtrawler auf AIS ausmachen und kreuze einen Frachter auf dem Weg von New York nach Norwegen. Ich funke den Diensthabenden an und frage wie es ihm geht und ob er mein AIS Signal gut empfangen kann. „Ja, alles bestens“ Er hat mich schon vor einer Stunde auf dem Schirm gehabt. Der Wind lässt etwas nach und ich genieße das Langstreckensegeln. Am Abend legt der Wind wieder etwas zu. An richtigen Schlaf ist nicht zu denken. Es weht mit 20kn aus Südwest, nur mit der kleinen Genua und viel Schräglage zieht es mich durch die Nacht. Der nächste Morgen begrüßt mich mit schönem Segelwetter. Halber Wind bei Kurs NW steuernd bin ich froh, es bald geschafft zu haben. Noch 50 Seemeilen bis Höfn. 4 Seemeilen vor der Küste funke ich auf Kanal 12 den Harbourmaster an. Keine Antwort, ich versuche es noch einige Male ohne Erfolg. Na gut, dann eben ohne Anmeldung. Ich lese noch einmal die Beschreibungen aus dem Cruising Guide durch. „Dies ist kein Hafen bei schwierigen Wetterbedingungen. Eine gute Maschine ist wichtig. Treibende Sandbänke können die Einfahrt verändern und 10kn Gegenstrom sind bei ablaufenden Wasser möglich.“ Ok, es geht ins nächste Abenteuer. 2 Seemeilen vor der Küste sehe ich schon den riesen Wellenbrecher vor der Hafeneinfahrt. „Þetta reddast!“ sagen die Isländer, „Das wird schon gut gehen“ denke ich mir so. Noch eine Seemeile, die Wellen bauen sich hier schon ordentlich auf. Ich kann nicht nur den monströsen Wellenbrecher sehen, sondern auch deutlich die Wellen, die oben drüber schlagen. Alter Schwede, oder soll ich `Alter Isländer´ sagen? Halbe Meile noch. Mit Respekt schaue ich durchs Fernglas auf die Einfahrt. Die Wellen haben Schätzungsweise 4 bis 5 Meter. Maschine läuft auf Hochtouren, Segel ist schon lange eingerollt. Noch immer 14kn Wind schräg von achtern. Man, ich habe fast die Hosen voll. Es geht wie in der Achterbahn hoch und runter. Ich bekomme es mit der Angst zu tun, Adrenalin schießt durch die Adern. Laut Karte ist es hier bei Flachwasser 7-8 Meter tief. Ich schaue erschrocken auf meine Anzeige 4,30m noch unterm Kiel. Wenig später sind es 3,50m. Noch einen Blick rüber zum Wellenbrecher an Backbord, es sind noch mindestens 300-400 Meter bis zur Einfahrt. Als ich die Tiefe von 2,80 ablese, drehe ich nach Steuerbord ab und bolze den riesen Wellen entgegen. 3,50, 3,80, 5 Meter mit jeder Welle wird es wieder tiefer. Bei 8 Meter Tiefe und die Einfahrt achteraus, gehe ich wieder an das Funkgerät. Probiere mehrmals Kanal 12 und dann auf Kanal 16 die Küstenwache zu erreichen. Ich möchte Informationen über die Anfahrt von Höfn. Doch nach bestimmt 20 Versuchen keine Antwort auf UKW, als ich es draußen rauschen höre. Die Brandung? Bin ich zu dicht an der Küste? Im gleichen Augenblick geht das Rauschen der Wellen in ohrenbetäubenden Lärm über, als mich ein riesiger Brecher erwischt und das Boot komplett auf die Seite schmeißt. Ich finde keinen Halt unter Deck und fliege durch den Salon auf die andere Seite. Auch durch das halb offene Schot kommt jede Menge Wasser. „Ich strande, war mein erster Gedanke.“ Das Boot richtet sich auf, ich suche nach Halt und springe nach oben. Erster Blick, ich bin weit ab von der Küste. Zweiter Blick, 7,50m unterm Kiel. In dem Getöse höre ich zum Glück noch die Maschine laufen. Ok, weg hier. Ich picke mich draußen wieder ein und gebe Vollgas auf den nächsten Brecher zu. Nur raus aus diesem Hexenkessel. Nach 30 Minuten hole ich tief Luft. Was habe ich falsch gemacht? Viele Fragen kommen auf. Warum erreiche ich niemanden? Funk ist doch in Ordnung. Anfahrt bei Flachwasser ein Fehler? War mit 14kn zu viel Wind, der die Wellen zu hoch aufbaut? Sind die Tiefenangaben auf meinem Lot durch den aufgewühlten Sand falsch? Fast hätte ich mein Boot verloren. Ich treffe die Entscheidung, es nicht noch einmal zu versuchen, setze die Segel und steuere ostwärst Richtung Djupifogur an der Ostküste Islands. Auf den nächsten 40 Seemeilen erhole ich mich von dem Schreck und räume unter Deck auf. Man kann gar nicht für möglich halten, was alles im Boot umher fliegen kann. Alles was nicht angeschraubt oder fest verbaut ist, liegt irgendwo rum. Die Bodenbretter sind bedeckt von Kleinteilen, Büchern, Andenken usw. Auch ist reichlich Wasser in der Bilge. Die Bilgenpumpe hat nach der Chaoswelle bestimmt 100-200 Liter Meerwasser nach draußen befördert. Alles ist nass. Kurz vor Mitternacht laufe ich in den Hafen von Djupivogur ein. Es ist noch so hell, dass ich eigentlich keine Positionslampe bräuchte. Ein Fischereihafen mit Schwimmsteg und Stromanschluß. Ich betrete erstmals nach einer stürmischen „Überfahrt“, einem fast gekenterten Boot und 240 Seemeilen festen Boden auf der Insel Island. Nach ersten kurzen Aufnahmen und ein paar Fotos bin ich glücklich, es geschafft zu haben. „Petta reddast!“ hat sich mal wieder bestätigt. Ahoi.

12 Gedanken zu „Þetta reddast!“

  1. Hallo Micha, WOW!
    Dieser Bericht ist ja spannender als ein Hitchcock Krimi.
    Mein Respekt vor deiner Leistung und damit meine ich auch die gesamte Reise.
    Du bist wirklich hart im Nehmen.
    Bring dich und dein Schiff heil nach Hause.
    Mit den besten Wünschen
    Aloys

  2. Hallo Micha,
    mit großem Interesse verfolge ich deine Videos auf Youtube. Ich bin stark beeindruckt von deinen Abenteuern auf See und lerne mit jedem Video etwas dazu. Deine Herangehensweise an Probleme ist genau so wie sie ein Skipper lösen sollte. Toll das es da draußen Segler gibt die es schaffen vor ihrer Rente Abenteuer zu segeln.
    Ich bin die Tage von Peenemünde nach Bornholm gesegelt und mir war schon etwas blümerant in der Magengegend, wenn ich deine Berichte sehe fühle ich mich klein und auf dem Land fast sicherer aufgehoben.
    Also toi toi für dich und deine Isländerin, weiter so und kann ich Softschäkel bei dir kaufen? Es würde mich mit Stolz erfüllen, wenn ich etwas reales von Dir an Bord hätte.
    Liebe Grüße aus Berlin und vom Mädchenschulschiff Xipetotec (YouTube), Sven

  3. Hallo Micha,
    der Landfall liest sich ja spannend.
    Die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt zu treffen kann existentiell sein.
    Wie im normalen Leben eben auch, müssen sie getroffen werden. Nur hast du an Bord umgehend zu handeln. Das macht die Segelei so besonders finde ich. Es fordert und macht das eigentliche Abenteuer aus.
    Wer lange Zeit hat über alles nachzudenken muss ja nicht automatisch die besseren Entscheidungen treffen.
    Deinen Blog lese ich sehr gerne und wünsche dir eine gute Heimkehr.
    Wolfgang

  4. Mensch Micha !
    Wann kommst Du denn wieder zu den Schönwetterseglern nach Stralsund? Oder wie lauten Deine Pläne.
    Es liest sich sehr alles aufregend, was Du da schreibst.
    Segelsport ist doch unglaublich vielseitig und man braucht ein helles Köpfchen, was schelle Entscheidungen und gründliche Analysen/Planungen ermöglicht.
    Ich freue mich auf ausführliche Fahrtberichte vor Ort.
    Wir sollten diese angemessen publizieren.
    Aber komm vor Allem erst einmal ohne, bzw. ohne weitere ( siehe Schmiss ) Schäden zurück.
    Liebe Grüsse aus der Heimat

  5. Hi Micha, mittlerweile haben wir September und Du bist im Norden Islands. Hast Du vor dort zu überwintern?

    Schlimm mit der Fast Kenterung, ich hatte gehofft das Maleur bei der Hinfahrt war das schlimmste und Du hast damit das meiste überstanden aber Dein Tripp scheint immer wieder Überraschungen zu bieten, auf die wohl jeder lieber verzichten würde.
    Toi, toi Dir
    Gruß Ingo

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